Kurzgeschichte:

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Gabriele Seewald
hier ist die komplette Kurzgeschichte zu lesen: Sie spielt im Mittelalter ca. 1260

Die Mission der kleinen Bratwurst

Da lag sie nun, die kleine Bratwurst, eingepfercht zwischen all den anderen Würsten. Es war dunkel im Holzbehälter und das Tuscheln um sie herum wurde lauter. Ganz unten lagen einige Schinken, die sehr vornehm miteinander taten. Die waren älter als alle anderen hier und wussten viel von der Welt da draußen zu erzählen.
Der Behälter rumpelte auf dem Pferdekarren. Wo die Reise hinging, hatte die kleine Bratwurst bisher nicht erfahren. Obwohl sie noch sehr jung war, war sie sehr wissbegierig und schnappte alles auf, was um sie herum geredet wurde.
Sie war stolz auf ihre Bildung. Zudem hatte sie in einer der besten Fleischereien das Licht dieser Stadt erblickt, war sorgfältig zubereitet und die kostbarsten Gewürze aus exotischen Ländern tummelten sich unter ihrer zarten, edlen Haut.
Vor Spannung reckte sich die kleine Bratwurst, aber sie konnte nichts erkennen, sie hörte nur das Gemurmel der ehrwürdigen Schinken. Dabei hielt sie es kaum aus, hier in diesem engen Käfig und sie fragte sich, auf wessen Tisch sie landen würde.
Sie fühlte sich zu einer hohen Aufgabe berufen, da war es wichtig wem man diente. Vielleicht einem Pilger, dem sie Kraft geben konnte, wenn er in ferne Lande zog. Oder einer armen Frau, die gerade unter schlimmen Schmerzen ein Kind geboren hatte und die erschöpft in ihren Laken lag. Ihr guter Gemahl würde ihr die beste aller Bratwürste reichen, damit die geschwächte Frau schnell wieder auf die Beine kam.
Aber da die kleine Bratwurst selber aus hohem Hause stammte, sich sogar blaublütig wähnte, lag es näher in einem gut betuchten Haus den kurzen Lebensabend zu verbringen. Vielleicht bei einem der reichen Patrizier? Bei den vornehmen Overstolzens, kredenzt zwischen silbernen Kerzenleuchtern und auf edler Tischwäsche? Aber vielleicht landete sie sogar beim Klerus, wenn nicht gar bei Konrad von Hochstaden selber, dem Erzbischof von Köln. Davor graute ihr, da der Erzbischof als fieser Möpp bekannt war, der seine Gegner einkerkerte oder ihnen sogar den Garaus machte. Der Erzbischof war mit den vornehmen Patrizierfamilien verfeindet, die er ihrer Schöffenämter beraubte hatte. Nun ersetzten Schöffen aus den Handwerkerzünften diese Plätze. Ja, ein Handwerker wäre auch nicht schlecht. Alles gerne, dachte die kleine Bratwurst, nur nicht dieser Konrad von Hochstaden. Schließlich sollte ihr Amt eine hochwichtige Sache werden.

Das Rumpeln des Pferdekarren hörte plötzlich auf. Waren sie schon am Ziel? Das Holzgefäß mit den Würsten und Schinken wurde geöffnet und die Leckereien auf einem Tisch verteilt. Die kleine Bratwurst blinzelte in die Sonne. Viele Menschen rannten geschäftig umher, von überall her dröhnten Geräusche, hämmern, sägen und poltern. Ein unverschämtes Lachen drang plötzlich zu ihr. Da hockte eine Gruppe rotwangiger Äpfel in einem Weidenkörbchen.
Sie kicherten spöttisch. „Wo kommen die denn her?“
Der größte der Schinken schüttelte sich pikiert. „Was reißt ihr eure Mäuler so auf. Wir kommen aus der besten Kölner Schlachterei. Da brauchen wir uns nicht zu schämen. Ihr unverschämtes, arrogantes Äpfelpack.“
Ein paar Nussküchlein, die auf einer silbernen Platte lagen, freuten sich hämisch über den beginnenden Streit.
„Dämliche Schinken und dämliches Brät“, sagte der größte der Äpfel. „Ihr seid aus dummen Schweinen gemacht, die auf der Erde herumschnüffeln und im Dreck wühlen. Armselige Schinken und Würstchen. Wir hingegen sind hoch auf den Bäumen gewachsen, dem Himmel so nah.“
„Nichts als Bauerntrampel seid ihr!“, erwiderte der Schinken.
„Ja!“, entfuhr es der kleinen Bratwurst verärgert. „Und die Äpfel wachsen so hoch, dass sie den ganzen Tag nur ihresgleichen zu hören kriegen und nichts wissen von den großen Dingen, die auf der Welt geschehen.“
Der große Apfel schüttelte sich empört. „Altkluges Würstchen, noch so jung und schon solche Reden schwingen. Aber Hochmut kommt vor dem Fall.“
„Bei euch bestimmt!“, konterte der ehrwürdige Schinken. „Ihr mit euren roten Apfelbacken seht so verheißungsvoll aus. Und wenn man in euch hinein beißt, zieht sich einem schon beim ersten Bissen der Gaumen zusammen. So sauer seid ihr.“
Der große Apfel grollte. „Passt nur auf, dass ihr Schinken und Würste nicht bitter schmeckt. Sonst wirft man euch nachher den Hunden vor.“
Die anderen Äpfel lachten hämisch. „Am besten dem Hund von Erzbischof.“
Was, dachte die kleine Bratwurst erschrocken, sind wir etwa direkt vor dessen Füße gerollt? Aber als sie die geschäftige Baustelle näher betrachtete, dämmerte es ihr langsam. Fassungslos starrte sie auf die hochgezogenen Mauern. Dem Himmel so nah, dachte die kleine Bratwurst. Hier wird ein Dom gebaut, der wirklich in den Himmel reichen soll. Dagegen sind diese eingebildeten Äpfel die kleinen Würstchen. Sie entsann sich, dass Konrad von Hochstaden ein Werk bauen lassen wollte, dagegen sollte alles bisher dagewesene verblassen. Der alte Bau sollte durch einen neuen Dom, im Stil der nordfranzösischen Königskathedralen, ersetzt werden. Aber noch imposanter, noch höher und noch eleganter. Deshalb waren hier die vielen Steinmetze, Schmiede und Zimmerleute. Ja, das hier war bei weitem der beste und vornehmste Platz in Köln, wenn nicht gar im ganzen Lande.

"Da ist er!“, riefen ein paar der Handwerker.
Der Steinmetz flüsterte seinem Lehrjungen zu. „Welch ein Unglück, der Dombaumeister befindet sich in einer Schaffenscrisis. So wird der Teufel wohl doch seine Wette gewinnen.“
Alle sahen plötzlich in die Höhe. Und da stand er, hoch oben auf dem Baugerüst, Meister Gerhard. Ein stattlicher Mann, sein Haar wehte im Wind. Die kleine Bratwurst seufzte und war sofort in Liebe entbrannt. Der Meister machte einige Schritte auf dem Gerüst.
Oh, seid vorsichtig bei eurem Tritt, dachte die kleine Bratwurst, ihr wurde Angst und bange als er weiterwanderte. Oh Meister Gerhard, dachte sie, wenn ich euch nur helfen könnte. Auch wenn der Meister einer der bedeutendsten Baumeister des Kontinents war, ob dem Teufel damit beizukommen war? Die kleine Bratwurst wurde traurig, als sie an das Gerücht über die unselige Wette dachte. Der Teufel wolle eine Wasserleitung von Trier nach Köln schneller bauen, als Meister Gerhard den Dom fertigbrächte. Und da des Meisters Gemütszustand im Moment auf einem Tiefpunkt war, sah es nicht gut für ihn aus.
Nein, der Teufel durfte nicht gewinnen! Auch wenn ich nur eine kleine Bratwurst bin, muss ich etwas tun, dachte sie. Nun kenne ich mein Amt, meine Aufgabe, meine Mission!
Ja, sie wollte dieses wundervolle Bauwerk mitverfolgen, mitten in Meister Gerhards Körper, in seinen Blutbahnen, seine Muskeln kräftigen und seinen Geist beflügeln. Dann kam ihr eine tollkühne Idee. Sie müsste dem Meister zugeführt werden, mit etwas ganz Besonderem dabei. Aber exotische Feigen aus dem Orient oder kostbarer syrischer Zucker klangen ihr zu banal. Es musste etwas sein, das die Sinne schärfte, belebte und einen wahren Schaffenstaumel hervorrief.
Die kleine Bratwurst schickte ein inbrünstiges Stoßgebet in den lichten Tag: Oh Herr da oben, bitte lass ein Wunder geschehen.
Plötzlich hörte sie eine Stimme. „Beste Qualität, beste Qualität!“
Ein fahrender Händler bot neben dem Tisch seine Ware feil.

„Kleine Kostprobe gefällig?“, fragte der Händler in die Runde. Die Handwerker umringten den Fremden neugierig.
Der Lehrjunge langte kräftig zu. „Oh, ist das scharf.“, keuchte er. Ihm schossen die Tränen aus den Augen.
Ja ... , dachte die kleine Bratwurst begeistert, dass muss ein feines Zeug sein. Purer Genuss und wohl scharf wie das Schwert eines Kreuzritters. Und genau das würde Meister Gerhards Sinne beleben, damit der Dom zu Köln noch schöner wurde.
„Wo kommt das Zeug her?“, fragte der Lehrjunge.
Der Händler grinste breit. „Aus Landen, die man hier nicht ausspricht.“
Wie exotisch, dachte die kleine Bratwurst, das muss etwas ganz Besonderes sein und es muss von ganz weit her kommen, aus einer Gegend, die für die Kölner so gut wie unerreichbar ist. Mein Gebet wurde erhört, dachte sie dankbar. Und mit genau dieser exquisiten Sauce wollte sie sich vereinen, um Meister Gerhard einen Hochgenuss zu bescheren und ihn zu grandiosen Leistungen zu beflügeln. Und sie betete wieder, dass das Unmögliche möglich wurde.
Tatsächlich, der Steinmetz hieb dem fahrenden Händler auf die Schulter. „Wohlan, gebe er uns ein paar seiner Tiegelchen. Auch Meister Gerhard wird begeistert sein. Und es wird ihm vortrefflich munden.“
„Bringt die Äpfel zum Erzbischof!“, rief jemand.
Die kleine Bratwurst grinste, während sie sich auf dem Rost suhlte und meinte bald platzen zu müssen, so heiß war es. Danach bestrich der Lehrjunge sie mit der exquisiten Paste und sie spürte das Kribbeln am ganzen Körper. Und dann erschien Meister Gerhard auf der Baustelle, direkt am Tisch. Die kleine Bratwurst versuchte, besonders schön zu strahlen. Und ja, er ergriff sie mit seinen feinfühligen Fingern, die zu solch wunderbaren Kunstwerken fähig waren und nahm den ersten Bissen.
Seine Augen verdrehten sich, dann blickte er den Händler verwundert an. „Was ist das für eine Köstlichkeit? Besseres habe ich nie probiert.“
Der Händler grinste wieder. Dann flüsterte er dem Meister zu. „Die Tunke ist wohl etwas besser als man sie hiererorts zu Köln macht.“
Meister Gerhard nickte. „Um Klassen besser. Zu unserem hiesigen Brät vortrefflich. Ich rate mal, zerriebene Körner und einige Gewürze dazu. Es inspiriert mich geradezu zu großer Schaffenskraft. Schon beim ersten Bissen kam mir jetzt eine hervorragende Idee zu dem neuen Dom ...“
Während die kleine Bratwurst Stück für Stück in des Meisters Magen verschwand, packte der Händler seine mittlerweile prall gefüllte Geldkatze ein. „Meister Gerhard, ich wünsche Euch all das beste für diesen geplanten Dom zu Köln. Ich habe das Gefühl, es wird einer der herrlichsten Bauten auf der ganzen Welt werden.“
Meister Gerhard lächelte glücklich. „Wozu mich die kräftige Bratwurst und Eure vortreffliche Tunke noch beflügelt. Sagt, wo kommt diese geheimnisvolle Tunke her?“
Der Händler ergriff seinen Karren. „Wie Ihr wohl schon festgestellt habt, es ist ein ganz besonderer Mostard. Und dieser Senf, ... kommt aus Düsseldorf!“

(Anmerkung: Köln und Düsseldorf sollen seit dem Mittelalter Konkurrenten sein.)